achilles’ verse: laufen lehrt fã¼rs leben


Ja, es gibt sehr viele gute Gründe, die gegen das Laufen sprechen. Es ist anstrengend, langweilig und ungesund, wenn man’s übertreibt, und wer tut das nicht. Laufen führt zu Konsumsucht, Überheblichkeit gegenüber Nichtläufern und fast zwangsläufig zu Spannungen in der Familie, wenn die noch nicht geflohen ist. Laufen ist allerdings nicht die Ursache all dieser schrecklichen Verhaltensweisen, sondern nur der Verstärker, eine Art Vergrößerungsspiegel sämtlicher Unarten.

Wer also einen Überschuss an Ehrgeiz oder Trägheit in sich hat, wer shoppingverrückt ist oder ein Angeber, wer nicht abschalten kann oder zum Egoismus neigt, der wird mit seinen Wesenszügen nach wenigen Laufmonaten unerbittlicher konfrontiert als im richtigen Leben. Wer im Alltag keine Balance zwischen Stress und Ruhe hinbekommt, wird auch beim Marathon maßlos sein und womöglich seinen Körper schinden.

Andersherum ist es genauso: Wer ein pflichtbewusster Mensch ist, rücksichtsvoll, achtsam und meniskusbewusst, der wird eben diese schönen Seiten seiner Seele beim Laufen noch etwas deutlicher spüren. Und die Mitmenschen auch.

Neues vom Läufer der Herzen

Heyne Verlag; 240 Seiten; 9,99 Euro


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Laufen verdichtet das Leben. Denn die älteste Fortbewegungsart des Menschen ist ehrlich, unkompliziert und herrlich analog. Auch mit noch so vielen Apps und Pillen und teuren Klamotten wird die lahme Ente nicht dauerhaft schneller werden. Zugleich können auch die widrigsten Umstände einen begabten Renner nicht bremsen.

Wer läuft, der spinnt ganz oft

Anders als das Leben verträgt das Laufen keine Ausreden. Nichts legt die wahre Form gnadenloser offen als 1000 Meter volle Pulle, ein strammer Bergansprint oder der Endspurt gegen den lieben Sportsfreund vom Lauftreff. Du kannst jeden bescheißen, nur deine Beine nicht, weder deine Lunge noch deine Wampe. Sehnen lügen nicht.

Schon richtig: Wer läuft, der spinnt ganz oft. Aber sie oder er hat den Mut, sich der Wahrheit von Wollen und Können zu stellen, Widersprüche zu ertragen, die eigenen Grenzen zu testen.

Jeder Trainingslauf, und sei er noch so kurz, trägt dieselbe klare Botschaft: Genau hier stehst du heute, vielleicht auf dem Zenit deiner Karriere – was übrigens fast niemanden interessiert, nicht mal deinen Partner – oder eben ganz unten, ganz am Anfang, ganz hinten, du hechelndes Elend. Macht aber gar nichts: Nicht deine Erfolge zählen, sondern die Tatsache, dass du den Hintern hochbekommen hast. Respekt.

Wer läuft, der beweist den Mut und die Kraft, sich selbst zu betrachten, vielleicht schonungslos, hoffentlich liebevoll. Und kann deswegen kein schlechter Mensch sein.

“Freiheit ist das, was man wirklich, wirklich will”, sagt der kluge Frithjof Bergmann, der das Leben als Preisboxer, Hafenarbeiter und Philosophieprofessor in Berkeley kennengelernt hat. Und was will ich wirklich, wirklich? Bestimmt nicht 24/7 online sein. Oder ein Leben, das im Beruf absäuft. Oder rackern für Darlehen. Oder dauernd ein Leben darstellen, das vor allem die vermeintlichen Erwartungen anderer Menschen bedient. Oder dicke Autos, Grills wie Lokomotiven und Klamotten, von denen exklusive Labels baumeln.

Was ich wirklich, wirklich will, sind viele kleine Ausbrüche aus der Lebensmühle, Momente der Nähe, der Ruhe, des Friedens, der Freude, des Einsseins mit einer unfassbar großartigen Welt, wie ich sie zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter in jedem deutschen Wald erfahren und vor allem erlaufen kann. Hart, fair, echt.


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Categories: gesundheit

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